
Schweizer Patriot-Raketen Deal mit USA steht auf der Kippe

Von Rainer Rupp
Die Anschaffung von fünf Patriot-Luftabwehrsystemen aus den USA für mehrere Milliarden Franken steht in der Schweiz auf der Kippe. Verteidigungsminister Martin Pfister hat am 1. April 2026 erstmals öffentlich einen vollständigen Vertragsabbruch als "reale Option" bezeichnet, solange Washington keine verbindlichen Liefertermine nennt. Die Schweiz hat die Zahlungen bereits im Herbst 2025 eingestellt. Während Lieferverzögerungen von mindestens fünf Jahren der Hauptgrund sind, gewinnt nun auch die Diskussion über die tatsächliche Leistung und Zuverlässigkeit der Systeme an Schärfe.
Obwohl Verteidigungsminister Pfister weiter betont: „Wir gehen heute noch davon aus, dass wir diese Systeme bekommen werden“, will die Schweiz alle weiteren Vorauszahlungen so lange zurückhalten, bis Washington verbindliche Liefertermine, die genauen Lieferkosten sowie die genauen Folgen und Kosten einer möglichen Kündigung des Vertrags nennt. Eine abschließende Empfehlung soll dem Schweizer Bundesrat bis Ende Juni 2026 vorgelegt werden. Parallel dazu hat Bern eine formelle Anfrage an einen europäischen Hersteller für ein zweites Langstrecken-Luftabwehrsystem geschickt; als klares Signal der Frustration über die Zuverlässigkeit der USA.
Zur Erinnerung: Im Jahr 2022 bestellte die Schweiz im Rahmen des Air2030-Programms fünf Patriot-Flugabwehrsysteme (Configuration-3+ Modernized Fire Units) über das US-amerikanische Foreign Military Sales (FMS)-Programm. Die Lieferung sollte 2026 beginnen und 2028 abgeschlossen sein. Zusätzlich wurde im Jahr 2023 der Kauf von modernisierten PAC-3-MSE-Raketen vereinbart. Der Vertrag umfasste Offset-Geschäfte zugunsten der Schweizer Industrie. Bis Herbst 2025 hatte Bern bereits rund 750 Millionen Franken überwiesen – ein beträchtlicher Vorschuss, der unter erheblichem US-Druck geleistet wurde.

Die Probleme begannen im Juli 2025, als die USA Bern mitteilten, dass Lieferungen wegen der Priorisierung der Ukraine-Unterstützung verschoben würden. Im Februar 2026 folgte die nächste Hiobsbotschaft: Die Inbetriebnahme in der Schweiz verschiebt sich voraussichtlich auf frühestens 2034. Der laufende Iran-Krieg hat die globale Nachfrage nach Patriot-Systemen weiter explodieren lassen und die US-Bestände zusätzlich strapaziert. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth hatte bereits am 19. März 2026 im Pentagon erklärt, dass die Munitions- und Systemvorräte durch die Hilfe für die Ukraine stark dezimiert seien – eine Folge früherer Entscheidungen der Biden-Administration.
Noch brisanter ist der finanzielle Aspekt. Alle Schweizer Rüstungszahlungen fließen in einen zentralen US-Trust-Fonds, aus dem nicht nur Patriot, sondern auch die von der Schweiz bestellten F-35A-Kampfjets und Ersatzteile für die F/A-18 finanziert werden. Als Bern im Herbst 2024/2025 die Patriot-Zahlungen einfrieren wollte, um Druck auszuüben, umging Washington diesen Schritt einfach: Gelder, die eigentlich für die F-35 bestimmt waren, wurden an den Hersteller Raytheon umgeleitet. Die Trump-Regierung drohte zudem mit Konsequenzen, falls der Fonds eine kritische Liquiditätsgrenze unterschreitet. Bern knickte ein und zog Ende März 2026 eine eigentlich erst im Sommer fällige F-35-Zahlung in Höhe eines niedrigen zweistelligen Millionenbetrags vor – um die eigene Luftwaffe nicht zu gefährden.
Das Verteidigungsdepartement (VBS) warnt ausdrücklich: Entscheidungen zum Patriot-System dürfen die F-35-Beschaffung und die F/A-18-Versorgung nicht gefährden. Dennoch hält Bern den Zahlungsstopp für Patriot aufrecht. "Wir verhandeln derzeit alle möglichen Optionen mit den USA. Dazu gehört auch ein allfälliger Abbruch", sagte Pfister. Unklar bleibt, ob und wie viel von den bereits ausgezahlten 750 Millionen Franken bei einer Kündigung zurückfließen würde. Ein Totalverlust wäre ein schwerer finanzieller Schlag für die Schweizer Steuerzahler.
Die aktuelle Lage offenbarte tiefere strukturelle Probleme. Die Schweiz, die als neutrales Land nicht der NATO angehört, setzt auf eine eigenständige Verteidigungspolitik. Das Air2030-Programm soll die Luftverteidigung grundlegend modernisieren. Die Abhängigkeit von US-Lieferungen erweist sich jedoch als riskant: Washington priorisiert eigene und alliierte Bedürfnisse in akuten Konflikten.
Deshalb sucht Bern nun aktiv europäische Alternativen. Anfang März 2026 beschloss der Bundesrat, die Beschaffung eines zweiten Langstrecken-Luftabwehrsystems zu prüfen – produziert in Europa. Eine "Request for Information" (RFI) wurde an einen möglichen Hersteller verschickt. Im Fokus steht vor allem das französisch-italienische SAMP/T-NG-System (Eurosam), das eine vergleichbare Reichweite bietet und deutlich schnellere Lieferzeiten (möglicherweise schon 2029) verspricht. Eine Entscheidung über das weitere Vorgehen soll ebenfalls im Sommer fallen.
Zweifel an Leistungsfähigkeit
Zugleich wächst in Politik und Medien mit Blick auf den Einsatz von Patriot in den Kriegen im Mittleren Osten und der Ukraine, der Kritik an der Performance und Zuverlässigkeit der Patriot. In Medien wie SRF , NZZ , Blick und Watson sowie in Parlamentsdebatten und Foren wird die Patriot-Rakete zwar nicht als Totalversager dargestellt, aber als besonders teures, und technologisch begrenztes Instrument gegen moderne Bedrohungen aus der Luft. Im Iran-Krieg 2026 haben etwa US- Verbündete wie die Vereinigten Arabischen Emirate Tausende iranische Drohnen und Raketen abgefangen – doch zu einem sehr hohen Preis von 2,8 bis 4 Millionen Franken pro Rakete. Kritiker sprechen von einer "kostspieligen Abwehrspirale", die bei Massenangriffen mit billigen Drohnen und Raketen extrem teure Abwehrmunition verschlingt und die begrenzten globalen Bestände dramatisch schnell dezimiert.
Ähnlich wird der Einsatz der Patriot in der Ukraine bewertet: Die Systeme hätten zwar viele russische Raketen und Drohnen abgefangen, hätten sich aber bei Schwarmangriffen von tief fliegenden Drohnen oder bestimmten hyperschallähnlichen Raketentypen als unnütz erwiesen. Die Ukraine setzt inzwischen auf günstigere Alternativen wie Flak zur Drohnenabwehr. In der Schweiz heißt es deshalb: Für ein neutrales Land mit begrenzten Ressourcen könnte Patriot bei saturierenden Drohnenangriffen oder mit modernen Hyperschallraketen überfordert sein.
Vor allem linke Politiker fordern daher einen radikalen Schnitt. SP-Ständerätin Franziska Roth drängt auf die vollständige Kündigung des Patriot-Auftrags. Selbst bürgerliche Stimmen wie SVP-Ständerat Werner Salzmann sehen in den Verzögerungen eine Chance, aus dem US-Vertrag auszusteigen, um auf europäische Systeme wie das französisch-italienische SAMP/T oder die Sky-Shield-Initiative umzuschwenken, wobei die realen Kriegserfahrungen mit Patriot als schlagendes Argument gelten.
Fazit
Die Debatte um den Patriot-Deal wirft für die Schweiz grundsätzliche Fragen auf: Wie zuverlässig sind US-Lieferungen in Zeiten geopolitischer Krisen? Wie stark darf ein neutrales Land wie die Schweiz von einem einzigen Lieferanten abhängig sein? Die Trump-Administration hat mit ihrer harten Haltung – Umleitung von Geldern und Druck auf andere Programme – das Vertrauen in Washington weiter erschüttert. Gleichzeitig zeigt die Schweiz Handlungsfähigkeit: Sie hält Zahlungen zurück, verhandelt hart und baut europäische Optionen auf.
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