Schwache Wirtschaft und Kriegsangst: Litauer verlassen wieder vermehrt ihre Heimat

Litauen stellt aufgrund der Abwanderung eines Teils der Bevölkerung einen "Umbruch" fest: Die Menschen möchten im Ausland arbeiten und leben, und Behörden zufolge kehren weniger Litauer zurück als abwandern. Dies berichtet das Medienhaus LRT unter Berufung auf Žygimantas Mauricas, den Chefökonomen der Bank Luminor.

Die Statistik deutet auf eine für Litauen bereits fast in Vergessenheit geratene Herausforderung hin: eine neue Auswanderungswelle litauischer Staatsbürger. Ökonomen betrachten dies als eine sehr bedauerliche Entwicklung, berichtet die litauische öffentliche Medienanstalt LRT auf ihrem Online-Nachrichtenportal am 18. Oktober 2026. Die Regierung versucht unterdessen, zumindest die Sprache unter den im Ausland lebenden Landsleuten zu bewahren – sie ruft dazu auf, litauische Schulen zu wählen. Experten sehen dafür jedoch eher schwarz.

Sechs Jahre in Folge, darauf macht LRT aufmerksam, kehrten jährlich mehr litauische Staatsbürger nach Litauen zurück, als das Land verließen. Doch in diesem Jahr habe sich ein Umbruch abgezeichnet: Die Zahl der Litauer, die ins Ausland gehen, um dort zu arbeiten und zu leben, ist wesentlich gewachsen und hat die Zahl derer überstiegen, die wieder permanent ins Land einreisen. Das litauische öffentliche Medienhaus zitiert hierzu Žygimantas Mauricas, Chefökonom der Bank Luminor, mit den Worten:

"Ich sehe das mit einer gewissen Sorge, denn Litauen hatte doch die große Hoffnung gehegt, dass ein beträchtlicher Teil der im Ausland lebenden Staatsbürger zurückkehren würde, um die litauische Wirtschaft zu stärken und sie mit ihren im Ausland gesammelten Erfahrungen zu bereichern."

In den Monaten Februar, März, April und Mai des laufenden Jahres hielten sich die Zahlen der auswandernden und zurückkehrenden Litauer in etwa die Waage. Im August glichen sie sich exakt an. Im September war es dann, dass die Zahl der Auswanderer die der Rückkehrer überstieg. Bislang sind im laufenden Jahr mehr als 12.000 litauische Staatsbürger zurückgekehrt – und das sind lediglich 500 mehr, als ausgewandert sind. Absolut gesehen ist die Tendenz also keine besonders starke – doch gemessen an der Gesamtbevölkerung Litauens von nur knapp 2,8 Millionen Menschen wird ihre Tragweite deutlich. LRT zitiert hierzu Vaiva Randitė, Expertin bei der staatlichen Statistikbehörde Valstybės duomenų agentūra (zu deutsch: Staatliche Datenagentur), die da versucht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen:

"Die derzeit veröffentlichten Migrationsstatistiken sind vorläufiger Natur. Diese Daten werden in Zukunft noch präzisiert."

Unter den Auswanderern seien mehr Männer als Frauen, so LRT weiter. Dieses Mehr an Auswanderungsbereitschaft zeigen die Männer sehr vieler Gesellschaften im Vergleich zu ihren Mitbürgerinnen, und es hat im Falle Litauens wohl nicht viel zu bedeuten. Doch zudem überwiegen unter den Auswanderern Menschen im erwerbsfähigen Alter – und dies, der oben umrissenen Tendenz an die Seite gestellt und mit ihr ins Gesamtbild eingebettet, ist für das kleine Litauen schon deutlich besorgniserregender. Das Gesamtbild setzt sich aus der Sicht der LRT-Journalisten aus mehreren Umständen zusammen. Sie bringen zunächst ein weiteres Zitat der Expertin V. Randitė an, wo diese auf traditionell wohlhabendere unter den vergleichsweise leicht zu erreichenden Ländern verweist:

"Die wichtigsten Zielländer für auswandernde Litauer sind Großbritannien, Norwegen und Deutschland. Diese drei Länder stehen schon seit geraumer Zeit an der Spitze in dieser Sache."

Es gebe hierbei aber nicht nur einen Grund für die Auswanderung der Litauer: Hohe Preise, stark gestiegene Wohnkosten, teurer werdende Konsumgüter und Dienstleistungen sowie die Konkurrenz durch Einwanderer – das seien nur einige der Faktoren. Manche Litauer verrichteten darüber hinaus zwar dieselbe Arbeit wie vielleicht auch früher, kommunizierten untereinander bei dieser Arbeit aber neuerdings in einer Fremdsprache. Ž. Mauricas erklärt hierzu:

"Wir beobachten, dass die Menschen sozusagen flügge werden und sich fragen: Was macht es denn für einen Unterschied, ob ich in Litauen in bestimmten Branchen arbeite, ohne dabei die Landessprache zu sprechen, oder ob ich in Schweden, Finnland oder Norwegen mit fast denselben Leuten zusammenarbeite – dort aber den doppelten Lohn erhalte?"

Den Vermerk "Arbeiten, ohne dabei die Landessprache zu sprechen", könnte man als ohnehin für kleinere Länder typisch abtun, in denen nicht schon von Hause aus eine der wenigen Weltsprachen gesprochen wird. Doch dem gilt es, die Phrase "in bestimmten Branchen" entgegenzuhalten – womit klar wird, dass hier Vertreter der heute als typische Home-Office-Berufe geltenden Tätigkeiten vor allem im technischen, davon vielleicht noch mehr im IT-Bereich, gemeint sein dürften. Sprich: Litauen geht mit dieser Tendenz allem Anschein nach die Zukunft in diesen Branchen mit jedem Auswanderer ein Stück weit verloren, wenn man die Lage des Landes genauso ernst sieht wie die Verfasser des genannten Artikels und ihre Gesprächspartner.

Es seien jedoch nicht nur wirtschaftliche Gründe, die Litauer zur Auswanderung bewegen. Der Ökonom Ž. Mauricas verweist auch auf geopolitische Faktoren, konkret etwa die Angst vor einem Krieg.

Mauricas stellt in aller Deutlichkeit fest, wie sich ein solches Gesamtbild entwickeln könnte:

"Wir sehen, dass die Zahl der Rückkehrer sinkt, während die Zahl derer, die das Land verlassen, steigt. Es ist sogar möglich, dass wir in diesem Jahr – zum ersten Mal seit langem – eine negative Migrationsbilanz bei den litauischen Staatsbürgern verzeichnen werden. Das wäre eine wirklich unerfreuliche Entwicklung."

Damit Ausgewanderte ihre Muttersprache nicht verlernen, ruft das Außenministerium Litauer im Ausland dazu auf, litauische Schulen zu besuchen – und dadurch, je nach Zielland ihrer jeweiligen Auswanderung, gegebenenfalls sogar Zusatzpunkte bei der Hochschulzulassung (Beispiel USA) oder ähnliche Vorteile zu erlangen. Vize-Außenminister Kristupas Vaitiekūnas erhofft sich davon, dass die Auswanderer und ihre im Ausland aufwachsenden Kinder sich dadurch die Option vor Augen halten, irgendwann zurückzukehren:

"Durch eine derartige stärkere Bindung an Litauen entsteht oft auch eine wirtschaftliche Verbindung. Das passiert eigentlich immer. Selbst wenn man nur als Tourist hierherkommt, baut man bereits eine gewisse Verbindung auf."

In dem von ihr ausgearbeiteten "Familienpaket" schlägt Ministerin Inga Ruginienė sogar vor, Ausgewanderte mit finanziellen Anreizen zur Rückkehr zu bewegen – sie stellt Beträge zwischen 2.000 und 5.000 Euro in Aussicht.

Doch der Ökonom Ž. Mauricas bewertet die Aussichten auf eine Rückkehr allen solchen Maßnahmen zum Trotz als wenig rosig – er betont in aller Deutlichkeit:

"Je mehr Zeit vergeht, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Personen nach Litauen zurückkehren. Sie bauen sich dort einen Freundeskreis auf, gründen Familien, und ihre Kinder besuchen die örtlichen Schulen – mit eigenen Freunden, Freizeitaktivitäten und so weiter.

Eine Rückkehr käme dann einer zweiten Auswanderung gleich."

Im Jahr 2024 schlossen 6 von 10 ausgewanderten Litauern nicht aus, dass sie in Zukunft nach Litauen zurückkehren könnten. Diese Zukunft liegt jedoch in einem Zeitraum von mehr als fünf Jahren.

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